KI, Gaslighting und die Angst, den Anschluss zu verlieren
Die Antwort eines Designers auf Karen Haos Kritik an KI-Macht, Anpassungsdruck und die bewusste Wahl kreativer Werkzeuge.

Ich nutze KI in meiner kreativen Arbeit, erkunde und teste sie und verbinde sie mit Design, Schnitt und visuellen Effekten. Deshalb betrifft mich die Debatte persönlich. Bei einem neuen Werkzeug möchte ich wissen, was ich damit gestalten kann. Zugleich will ich erkennen, wann Neugier durch Angst ersetzt wird: das Gefühl, sofort einsteigen zu müssen, um wertvoll zu bleiben.
Karen Haos Gespräch mit Steven Bartlett bei The Diary Of A CEO stellt eine wichtige Frage für Kreative: Wer darf definieren, was Fortschritt bedeutet? Dies ist meine Antwort aus der Perspektive eines Designers und Visual Artists. Interview ansehen
Worum es beim Gaslighting-Argument tatsächlich geht
Haos Kritik betrifft Unternehmen und Institutionen rund um KI, nicht einen zustimmenden Chatbot. Sie argumentiert, dass der Einfluss der Branche auf Forschung und Öffentlichkeit Kritik uninformiert erscheinen lassen kann. Auf Bartletts Frage nach Gaslighting stimmt sie eingeschränkt zu. Auch außergewöhnliche Versprechen und Katastrophenwarnungen könnten gleichermaßen die Konzentration technologischer Kontrolle rechtfertigen. Interviewtranskript lesen
Das ist ihre Interpretation der Branchenanreize. Es beweist weder, dass alle Forschenden unehrlich sind, noch dass jede Prognose manipuliert. Entscheidend ist: Liefert eine Aussage prüfbare Belege, oder sollen wir den Urhebern vertrauen, weil angeblich zu viel auf dem Spiel steht, um zu widersprechen?
Wenn ein Verkaufsargument zum Test des eigenen Werts wird
Werbung kann mehr als ein Produkt verkaufen: eine Vorstellung davon, wer man werden sollte. Bei kreativer Technologie kann so eine Softwareentscheidung wie ein Urteil über Ehrgeiz, Relevanz oder Intelligenz wirken.
Stellen wir uns einen Designer vor, der ein neues Bildwerkzeug prüft. Die praktische Frage: Erfüllt es das Briefing mit genügend Kontrolle für Korrekturen? Dann die emotionale: Was, wenn alle anderen es schon nutzen und ich zurückfalle? Die zweite Frage kann den Kauf beschleunigen, bevor die erste beantwortet ist.
Diesem Druck möchte ich widerstehen. Angst kann mich ein Konto eröffnen lassen, sagt aber nichts darüber, ob das Werkzeug in meinen Prozess gehört. Eine überzeugende Demo verdient Beachtung; sie muss auch bestehen, wenn das Produkt korrekt bleiben, der nächste Shot passen und ein geändertes Briefing umgesetzt werden muss.
Prognosen von Verkaufsargumenten trennen
In einem weiteren EBU-Interview fordert Hao, Aussagen von KI-Führungskräften journalistisch zu prüfen, statt sie als wissenschaftliche Autorität zu behandeln. Das halte ich auch beim Kauf kreativer Werkzeuge für sinnvoll: Expertise verdient Gehör, ein Verkaufsversprechen dennoch Überprüfung. Karen Haos EBU-Interview
Für mich heißt das, ein großes Versprechen in eine kleine, prüfbare Frage zu übersetzen. Statt zu entscheiden, ob eine Plattform die Zukunft der Kreativität ist, prüfe ich, ob sie ein reales Produktionsproblem löst. Versuche, Korrekturen, Kosten und Zeit bis zum brauchbaren Ergebnis lassen sich mit meiner bisherigen Methode vergleichen.
Der Vergleich kann zugunsten von KI ausfallen, manchmal zu Recht. Er kann aber auch für ein Foto, eine 3D-Szene, einen sorgfältigen Schnitt oder eine einfachere Idee sprechen. Das Briefing sollte mitentscheiden.
Kreative Arbeit braucht weiterhin Richtung
Nehmen wir einen zehnsekündigen Produktfilm. Ein attraktives Bild zu erzeugen, ist nur ein Teil der Arbeit. Die Aufmerksamkeit zu lenken, das Produkt konsistent zu halten, einen Rhythmus zu wählen und Bilder wegzulassen, gehört ebenfalls dazu. Schnellere Bildproduktion verändert den Prozess, beantwortet aber nicht jede kreative Frage darin.
Nach über einem Jahrzehnt in Design und Bewegtbild möchte ich diese Fähigkeiten zusammen mit neuen Werkzeugen weiterentwickeln. Technologie soll meine Möglichkeiten erweitern; für die Entscheidungen, die eine Arbeit stimmig machen, bleibe ich verantwortlich.
Eine neue Fähigkeit ist nützlich. Mein Urteilsvermögen bleibt gefragt.Fettah — El Florentino
Die Zukunft mitbestimmen, an der man mitbaut
In ihren Hinweisen für das Global Investigative Journalism Network hinterfragt Hao die Vorstellung, KI sei unvermeidlich, neutral oder von materiellen Kosten losgelöst. Sie lenkt den Blick auf Macht, Daten, Arbeit und Infrastruktur. Dieser weitere Rahmen zählt: Eine Branche zu bewerten geht über die Qualität ihrer Ergebnisse hinaus. Haos GIJN-Masterclass
Mein praktischer Ausgangspunkt ist einfach: Werkzeuge gezielt einsetzen. Wissen, was sie beitragen, kosten und was ich weiter kontrollieren muss. Das Handwerk lernen, mit dem ich Ergebnisse beurteile. Und das Geschäftsmodell hinterfragen dürfen, auch wenn mir das Produkt gefällt.
Ich möchte die Entwicklung kreativer Technologie mit offenen Augen mitgestalten. Neugier ist ein guter Grund zum Experimentieren, ein klarer Produktionsbedarf ein guter Grund für den Einsatz. Die Angst, meine Erfahrung sei plötzlich wertlos, sollte diese Entscheidung nicht treffen.